once upon a midnight dreary [1]

ES MUSS WOHL tiefste Nacht geworden sein, als die junge Frau das nächste Mal aus der ohnmächtigen Umklammerung ihrer Kopfschmerzen erwachte und die Augen aufschlug. Stumm lauschte sie der Stille ihrer Gedanken, der Ruhe hinter ihrer Stirn und dem sanften Klingen der Dunkelheit, gleich der Pause zwischen zwei Worten.
Vereinzelt glommen entfernte Lichter über ihr, wie Sterne am nächtlichen Himmel. Sanft umspülte sie die feuchte Luft am Boden wandernder Nebel und die endlose Weite dieses Ortes sank in ihr Bewusstsein, wie Staub, der langsam zur Erde schwebt.

„Wo bin ich“ schien ihr matter Blick zu sagen, als sie sich aufstützte, auf die dünnen Arme, zerbrechlich wie Glas. Das einsetzende Rauschen in ihren Ohren ließ sie innehalten, ob das quälende Pochen hinter den Schläfen nicht doch zurück kehrte und ihr die Sinne schwinden machte.
Doch nichts dergleichen geschah. Das Wogen reihte sich ein in den dumpfen Klang ihres Atmens und verschwand bald in der Unendlichkeit des Raumes.

Der Raum. So dunkel, dass man Himmel nicht von Boden zu unterscheiden vermochte, kein Anfang oder Ende, kein Horizont. Nur das blasse Funkeln oben und noch blasseres unten, weicher, wie die Reflektion eines blinden Spiegels.
Die Frau, deren Haar sonst die Farbe eines hungrigen Feuers besaß, doch hier wirkte wie die übrig bleibende Asche, stand auf und grub die Sinne tief ein in das dröge Nichts und die Stille ihres Herzschlags.
Und verliebte sich innerhalb weniger Sekunden heillos in die Art, wie das Gefühl der Einsamkeit tief in ihrer Brust plötzlich einschlief.
„Fast so, als wäre er hier und hielte mich. Und ich versänke in die Wärme seiner Umarmung“ sagte eine Erinnerung leise in ihrem Verstand.

„Aah, so viel Schmerz und Poesie…“ ertönte da eine Stimme in der Dunkelheit, die gleichzeitig singend und doch grollend in der Leere des Raumes, wie in einem deckenlosen Dom nachzuhallen schien.
„Und niemand zeigte dir, wie man überlebt, ohne mit jedem Atemzug einen Teil deiner Selbst zu zerstören. Wie man den Hunger des Herzens beherrscht, diese Gier, mit der es plötzlich aufhört und von neuem beginnt…“
Das Sternenmeer vor ihr begann zu zucken, zu flimmern, sich rhythmisch zu verschieben. Die Ahnung, etwas käme auf sie zu, stahl sich in ihren Geist.

„Dieses Chaos, dem du dich hingibst…es verstört mich und doch komme ich nicht umhin, fasziniert zuzusehen.“
Näher jetzt, größer, klang die Stimme, kindlich und doch altersschwer. Doch wo man dem einen lauschte, um zu lehren und dem anderen, um zu lernen, entzog sich Diese hier jeglichen formbaren Charakters. Jedoch…es lag so viel Geschichte in der Art, wie es zu der Frau sprach. Als gäbe es eine Verbindung zwischen ihnen – wie Bekannte, Freunde…Liebende?
„Und nun ist die Zeit gekommen, da du leibhaftig vor mich trittst, Domino gâst’Hara, Tochter des Sturmes und der Nacht“

Da öffnete sich die nächtliche Sphäre wie ein Vorhang und enthüllte ein weiß strahlendes Licht, das die Angesprochene blinzeln machte. Ewigkeiten schienen zu vergehen, in denen sich das schmerzhafte Blenden in ein sanft pulsierendes Glimmen wandelte und seinen Ursprung zu erkennen gab.
Vor ihr stand ein dreimanngroßes Wesen, dessen gesichtsloses Antlitz sie direkt…anzuschauen schien. Sein Körper war nackt, die Gliedmaßen lang und grazil und die Haut schimmerte tiefgrün, wie das eingefangene Lichtspiel in einem Smaragd.
Und der sich auftuende Sternehimmel war nichts anderes als der dunkle, von hunderten Funkellichtern besprenkelte Umhang, den der Riese über seinen Schultern trug, ein Mantel aus Sternenstaub, der das rhythmisch anschwellende Leuchten in des Wesens Brust umspielte.

Sekunden verstrichen, in denen die Frau, Domino, ihr Gegenüber stumm betrachtete. In ihrem Blick – sonst dunkel und taub, wie eine ausgeblasene Kerze – lag ein Zittern, ein Funkeln, dem entfernten Leuchten der Sterne gleich. Oder war dies nur die Reflektion des leuchtenden Herzens, das der Gigant unter seinem fließenden Mantel versteckte?
„Hast du jemals das Geräusch vernommen“, fragte der Riese, „das ein Herz macht, wenn es bricht? Wenn es so viel mehr zu tragen versucht, als es fähig wäre?“ Seine Stimme, weich und fest zugleich, brachte die Luft zum Klingen. Doch wie konnte er sprechen, fand sich in der leeren Maske seines kahlen Kopfes doch kein Mund?
„Wenn seine Türen, so fest man sie auch zu schließen versucht, in Stücke gesprengt werden?“
Nur ihr leises Atmen war vernehmbar, ruhig wie der Wind, der mit ihren Haaren spielte. War es das Licht aus des Wesens Brust, dass die Umgebung heller machte? Nicht mehr schwarz oder dunkelblau, sondern in grauem Zwielicht schien der Ort, einzig die Sterne auf seinem Umhang erinnerten an die nächtliche Sphäre.

„Ich fürchte, nein. Ich hörte noch nie ein Herz zerbrechen“ antwortete sie ihm endlich.
„Haaah, ich auch nicht“, seufzte er, „obschon ich glaubte, dass Deines jeden Moment zerspringe, als ich hier saß, in Stille, und lauschte.“
Dominos Augen wanderten hinab zu dem pulsierenden Licht in seinem Brustkorb, gleich dem Zentrum einer Galaxie, und verloren sich darin, angezogen von unergründbarer Schwerkraft.
Gedanken trieben, wie Blätter auf ruhiger See.

Auch ihr Herz glich einst einer Galaxie, weit und unerforscht, mit unbekannten Sternbildern und Nebeln, die sich ständig veränderten. Mit Wünschen, auf den Rücken von Sternschnuppen…
Doch da waren Andere, die nicht sahen, was sie sah, in der ungewissen Weite und die versuchten, sie auf ihre eigene Größe zu schrumpfen. Erde, Feuer, Ozeane und Himmel – kondensiert, verdichtet, damit sie in einen engen Käfig aus Rippen passten.
So wundert es nicht, dass ihr ihr eigenes Leben schwer wurde, bis zu dem Punkt, an dem es in sich zusammenzustürzen begann.

„Sie werden sich an dich erinnern, jedes Mal, wenn die Luft unter Blitzen zittert und Donner wild und zornig grollt. Sie werden sich erinnern, wenn sie vor dem Regensturm flüchten, so wie sie es taten, wenn du deine Himmel öffnetest.
Und sie werden schweigend klagen, dass die Rosen nicht mehr wachsen; denn nichts Schönes wächst mehr, wenn es nicht mit Regen gewaschen wird.“ Beinah zärtlich klang er jetzt.

„Was bedeutet das?“ fragte sie.
„Mein liebes Kind, es bedeutet, dass dein Leben verwirkt ist“ sagte er.

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wenn der Alltag aufholt… der Sonntagsblues

Gerade war noch Wochenende – Zeit, all die Dinge zu genießen, für die unter der Woche meist Zeit oder Motivation fehlen. Lange schlafen, feiern, den Tag verbummeln…Die Möglichkeiten sind unbegrenzt, um das Maximum an (Ent-) Spannung aus diesen 48 Stunden heraus zu holen.
Würde nicht mit erstaunlicher Regelmäßigkeit das Leben kurz auf die Bremse treten und mir den Stinkefinger zeigen. Meist macht es das Sonntags. Wahlweise Montags. Zwischendurch auch gerne mal Mittwochs.

Es beginnt immer unerwartet und schnell. Eben noch schipper ich gemütlich auf meinem Gute-Laune-Dampfer durch das Wochenende, bis plötzlich vor mir ein riesen Eisberg aus dem Wasser schießt und ich, natürlich, mit voller Fahrt dagegen krache. Selbst die wohlweisliche Spekulation und darauf folgende Berücksichtigung der einfachen Möglichkeit eines solchen Ereignisses während meiner Fahrt kann das melancholische Seufzen nicht verhindern, dass meinem achso überraschten Verstand jedes Mal entfleucht.

Es scheint, als befürchte mein Kopf, seine Systeme könnten nicht pünktlich zum Montag wieder hochgefahren sein und fängt deshalb schon einen Tag eher damit an, nur um sicher zu gehen versteht sich.
Leider ist das Booting recht verbuggt. Immer wieder fragt mich das System, ob es „normal gestartet“ werden soll, doch ein Drücken der Eingabe-Taste führt nur zu einer schier endlosen Fragenschleife, die sich gern auch wiederholt. Stundenlang.
Hinzu kommt noch, dass sich manche Ladezeiten zwischen den Fragen in einer so unglaublich schwer ertragbaren Kopfleere äußern, dass ich mich nicht entscheiden kann, was weniger unangenehm ist.
Wäre der Verstand ein Ozean, würde ich dann lieber inmitten stürmender Wellen zerschmettert werden oder in der Flaute ersaufen wollen?

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Entnervt bette ich mein Gesicht in meine Hände und wundere mich, warum ich nicht in der Lage bin, meine Sonntags- (Montags-, Mittwochs-)neurose einfach abzuschütteln und weiterzumachen.
Stattdessen verzweifle ich über der körperlichen Notwendigkeit, nicht fortwährend auf 100% zu laufen.
Innehalten. Pause machen. Das ist okay und kein Zeichen von Schwäche, und selbst wenn doch, sollte das trotzdem in Ordnung sein. Johnny Depp hat mal gesagt „Menschen weinen nicht, weil sie schwach sind. Sie weinen, weil sie zu lange stark waren“. Im Kern ist das verdammt tragisch.

Was fange ich nun aber mit diesem, ich nenne es mal leichtfertig Unbehagen, an? Würde ich versuchen wollen, dem Ganzen eine Ursache abzuringen, wäre mein erster Tipp: Mein Körper schafft es nicht mehr, zwischen Stress und Erholung umzuswitchen, er zeigt sich überfordert. Leider ist das ein weit verbreitetes Phänomen, fast wie eine kollektive Ohnmacht im Angesicht des Alltags.
Man reibt sich auf zwischen überbordendem Pflichtgefühl und dem Streben nach Bestätigung, sei es privat oder beruflich. Das geht bereits morgens beim Aufstehen los: drücke ich noch einmal auf die Schlummertaste und nehme mein Zombiespiegelbild in Kauf, oder kämpfe ich mich aus den Federn und durch das anschließende „totaaaal belende“ Morgenworkout, dass ich bei einem meiner Spaziergänge über Pinterest entdeckt habe? Aber dann müsste ich noch duschen und verpasse womöglich den Zug, der mich pünktlichst auf Arbeit bringt. Was denken denn dann die Kollegen? Und was erzähle ich überhaupt, wenn sie mit beschwingtem Lächeln ihr standardisiertes „Na, wie geht’s?“ zwitschern. Ich kann ja wohl schlecht berichten, dass ich nichtstuend auf dem Sofa gelegen und schon tausend mal gesehene Folgen von Scrubs geschaut habe und jeglichem sozialen Kontakt am Liebsten aus dem Weg gegangen wäre…

Beinahe jedem Tag begegnet man mit dem, zugegebenermaßen, vermessenen Wunsch nach Zufriedenheit, Erfüllung, Perfektion, ohne zu berücksichtigen, dass die Natur für den Menschen keineswegs eine geradlinige, dreispurige Schnellspur vorgesehen hat, sondern eher eine kurvige Landstraße, die auch mal wegen Bauarbeiten stillgelegt werden kann.
Dass es uns immer gleich gut oder schlecht geht, dafür ist der Körper nicht gemacht.
So gesehen ist mein Sonntagsblues vielleicht gar kein Zustand, den es zu bewältigen oder loszuwerden gilt.
Vielleicht ist es eher ein versteckt zum Ausdruck gebrachter Hinweis meines Körpers, einen Gang runter zu schalten und die Fahrt ein wenig mehr zu genießen.

Die Jagd nach dem Glück… ein Anfang

Der Schweiß läuft mir brennend ins Auge und schon allein der Versuch, gleichzeitig zu sprechen und zu atmen wird von einem wirklich fiesen Seitenstechen getadelt. Doch ein paar Minuten muss es noch gehen, wenigstens noch die nächste Übung – Burpees. Runter in die Hocke, Sprung in den Stütz, Push-up, Sprung zurück in die Hocke, Strecksprung. Immer und immer wieder.
Ich bin nicht gläubig, doch in diesem Moment bitte ich stumm alle Götter , die mir in den Sinn kommen, um Gnade, fluche gleichzeitig zu allen Dämonen ob dieser teuflichsten aller Cardio-übungen.

Aber dann ist es geschafft. Endlich. Und Während ich mit wackeligen Beinen und keuchender Atmung versuche, meinen Herzschlag zu beruhigen, wickeln sich etliche Gedanken um die Erkenntnis, die gerade trotz aller Anstrengung wie ein Projektil durch meinen Kopf schießt: ich bin glücklich.
Endorphine überschütten mein Gehirn – Opium für die Seele. Ich erinnere mich, über ein Experiment gelesen zu haben, das James Olds in den 50er Jahren an der University of Michigan durchgeführt hat. Es ging um Ratten und deren Lust auf die Elektrostimulation eines bestimmten Hirnareals. Per Knopfdruck konnten sie dieses Lustzentrum in ihrem eigenen Gehirn stimulieren, so oft sie wollten, bis sie vor Hunger, Durst und/oder Erschöpfung starben.
Aber so oft hatte ich nicht vor, Burpees zu machen.

Nach einer entspannenden Dusche und kurzer Internetrecherche fand ich heraus, dass das Wort „Glück“ ursprünglich vom mittelhochdeutschen gelücke/lücke abstammte, was soviel bedeutete wie „die Art, wie etwas endet/gut ausgeht“.
Bezeichnete Glück also demnach nur den (günstigen) Ausgang eines Ereignisses, ohne dass Umstände, persönliche Fähigkeiten oder Voraussetzungen eine Rolle spielten? Es passiert einfach? Laut Evolutionstheorie gibt es im Verhalten der Lebewesen zumindest kein nachweisbares Streben nach Glück…aber warum überwanden unsere kleinen Rattenfreunde dann sogar unter Strom stehende Metallgitter, um den „Knopf der Lust“ auch nur ein einziges Mal noch zu drücken?

Welche Macht hat dieses Glück und was ist es überhaupt? Wie kann ich es erreichen?

Bereits über viele Jahrhunderte und Kulturen beschäftigt sich der Mensch mit diesen Fragen. Ob Lao Tse, Epikur oder Platon und seine Clique oder Horst und Gisela von nebenan…Das Glücksgefühl als solches ist faszinierend und jeder hat seine ganz eigenen Theorien dazu, doch gleichsam klar scheint: Glück ist erstrebenswert, wichtig, ja geradezu elementar. Aber eine Glücksschmiede für alle kann nicht existieren.

Dafür sind unsere Neigungen, Talente und Fähigkeiten, kurz unsere Persönlichkeiten zu verschieden. Wichtig jedoch scheint mir, sich dieser Eigenschaften und Stärken bewusst zu sein, sie sich zu verdeutlichen, um tatsächlich auf seiner ganz persönlichen Reise zum Glück das Ziel auch erreichen zu können.
Was also packe ich in meinen eigenen Rucksack?

„Körperliche Aktivität wirkt sich positiv auf mein Glücksempfinden aus“ meldet sich mein lahmer Verstand und taucht kurzzeitig aus der wohligen Umarmung erschöpfter Glieder auf.
„Aber Phasen des Nichtstuns sind auch gewinnbringend“ protestiert der Schweinehund.
Dem musste ich unweigerlich zustimmen und dachte dabei an den letzten Lesemarathon auf meiner Couch.
„Nein nein, ich meine so richtiges Nichtstun, allerhöchstens ein Gedanken-schweifen-lassen oder Löcher-in-die-Luft-starren“ korrigierte Schweinehund.
„Verschwendete Zeit“, warf der Verstand ein, „eine knackige Einheit Cardio oder ein bisschen Körperstabilitätstraining sind doch viel glückbringender. Oder letztens, als wir diese Sitzbank mit eigenen Händen zusammengezimmert haben…“
„Bitte, ihr Zwei, vertragt euch doch, ihr habt ja beide gute Argumente“ erklingt da die sanfte Stimme der Harmonie.
„Ach sie nun wieder…“, frotzelt die Leidenschaft, „Lass sie doch streiten. Wo könnte man glücklicher sein, als in den peitschenden Wellen wogender Emotionen?“

Für eine Weile lausche ich ihrem Disput, der mir die Sinne ganz schworbelig macht. So viele Möglichkeiten, das Glück zu jagen…und vielleicht muss ich mich ja gar nicht entscheiden? Vielleicht ist eine Rotation, ein Durchmischen der Varianten zur Glücksfindung zielführender?
Ich stoße bei meinen, aufgrund der einsetzenden Müdigkeit halbmotivierten Recherchen auf einen Herren namens Cszyk…Chiske…Moment. Csikszentmihalyi.  Mit träger Aufmerksamkeit lese ich seine Erklärungen zum Flow, dem in-einer-Tätigkeit-aufgehen-und-sich-verlieren und dem einhergehenden Verlust des Selbstgefühls bis hin zur Selbsttranszendenz. Dann fange ich den Artikel wieder von vorne an, weil ich während des Lesens zwischen den Zeilen versackt bin.

Kaum noch fähig, über 3 Zeilen und 5 Kommas dauernde Sätze zu erfassen, höre ich den Schweinehund leise in mir flüstern „Schlafen, das wär’s jetzt“.
Ich muss ihm Recht geben. Glück kann auch einfach sein. Und immer wieder neu. Morgen schon erwartet mich eine ganze Welt voller „Neu“.
Und murmelnd schwebt mein letzter Gedanke dahin, bevor ich einschlafe: „Vielleicht ist Glück ja nicht das Ziel der Reise. Vielleicht ist es die Art, wie ich reise“…