wenn der Alltag aufholt… der Sonntagsblues

Gerade war noch Wochenende – Zeit, all die Dinge zu genießen, für die unter der Woche meist Zeit oder Motivation fehlen. Lange schlafen, feiern, den Tag verbummeln…Die Möglichkeiten sind unbegrenzt, um das Maximum an (Ent-) Spannung aus diesen 48 Stunden heraus zu holen.
Würde nicht mit erstaunlicher Regelmäßigkeit das Leben kurz auf die Bremse treten und mir den Stinkefinger zeigen. Meist macht es das Sonntags. Wahlweise Montags. Zwischendurch auch gerne mal Mittwochs.

Es beginnt immer unerwartet und schnell. Eben noch schipper ich gemütlich auf meinem Gute-Laune-Dampfer durch das Wochenende, bis plötzlich vor mir ein riesen Eisberg aus dem Wasser schießt und ich, natürlich, mit voller Fahrt dagegen krache. Selbst die wohlweisliche Spekulation und darauf folgende Berücksichtigung der einfachen Möglichkeit eines solchen Ereignisses während meiner Fahrt kann das melancholische Seufzen nicht verhindern, dass meinem achso überraschten Verstand jedes Mal entfleucht.

Es scheint, als befürchte mein Kopf, seine Systeme könnten nicht pünktlich zum Montag wieder hochgefahren sein und fängt deshalb schon einen Tag eher damit an, nur um sicher zu gehen versteht sich.
Leider ist das Booting recht verbuggt. Immer wieder fragt mich das System, ob es „normal gestartet“ werden soll, doch ein Drücken der Eingabe-Taste führt nur zu einer schier endlosen Fragenschleife, die sich gern auch wiederholt. Stundenlang.
Hinzu kommt noch, dass sich manche Ladezeiten zwischen den Fragen in einer so unglaublich schwer ertragbaren Kopfleere äußern, dass ich mich nicht entscheiden kann, was weniger unangenehm ist.
Wäre der Verstand ein Ozean, würde ich dann lieber inmitten stürmender Wellen zerschmettert werden oder in der Flaute ersaufen wollen?

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Entnervt bette ich mein Gesicht in meine Hände und wundere mich, warum ich nicht in der Lage bin, meine Sonntags- (Montags-, Mittwochs-)neurose einfach abzuschütteln und weiterzumachen.
Stattdessen verzweifle ich über der körperlichen Notwendigkeit, nicht fortwährend auf 100% zu laufen.
Innehalten. Pause machen. Das ist okay und kein Zeichen von Schwäche, und selbst wenn doch, sollte das trotzdem in Ordnung sein. Johnny Depp hat mal gesagt „Menschen weinen nicht, weil sie schwach sind. Sie weinen, weil sie zu lange stark waren“. Im Kern ist das verdammt tragisch.

Was fange ich nun aber mit diesem, ich nenne es mal leichtfertig Unbehagen, an? Würde ich versuchen wollen, dem Ganzen eine Ursache abzuringen, wäre mein erster Tipp: Mein Körper schafft es nicht mehr, zwischen Stress und Erholung umzuswitchen, er zeigt sich überfordert. Leider ist das ein weit verbreitetes Phänomen, fast wie eine kollektive Ohnmacht im Angesicht des Alltags.
Man reibt sich auf zwischen überbordendem Pflichtgefühl und dem Streben nach Bestätigung, sei es privat oder beruflich. Das geht bereits morgens beim Aufstehen los: drücke ich noch einmal auf die Schlummertaste und nehme mein Zombiespiegelbild in Kauf, oder kämpfe ich mich aus den Federn und durch das anschließende „totaaaal belende“ Morgenworkout, dass ich bei einem meiner Spaziergänge über Pinterest entdeckt habe? Aber dann müsste ich noch duschen und verpasse womöglich den Zug, der mich pünktlichst auf Arbeit bringt. Was denken denn dann die Kollegen? Und was erzähle ich überhaupt, wenn sie mit beschwingtem Lächeln ihr standardisiertes „Na, wie geht’s?“ zwitschern. Ich kann ja wohl schlecht berichten, dass ich nichtstuend auf dem Sofa gelegen und schon tausend mal gesehene Folgen von Scrubs geschaut habe und jeglichem sozialen Kontakt am Liebsten aus dem Weg gegangen wäre…

Beinahe jedem Tag begegnet man mit dem, zugegebenermaßen, vermessenen Wunsch nach Zufriedenheit, Erfüllung, Perfektion, ohne zu berücksichtigen, dass die Natur für den Menschen keineswegs eine geradlinige, dreispurige Schnellspur vorgesehen hat, sondern eher eine kurvige Landstraße, die auch mal wegen Bauarbeiten stillgelegt werden kann.
Dass es uns immer gleich gut oder schlecht geht, dafür ist der Körper nicht gemacht.
So gesehen ist mein Sonntagsblues vielleicht gar kein Zustand, den es zu bewältigen oder loszuwerden gilt.
Vielleicht ist es eher ein versteckt zum Ausdruck gebrachter Hinweis meines Körpers, einen Gang runter zu schalten und die Fahrt ein wenig mehr zu genießen.

Die Jagd nach dem Glück… ein Anfang

Der Schweiß läuft mir brennend ins Auge und schon allein der Versuch, gleichzeitig zu sprechen und zu atmen wird von einem wirklich fiesen Seitenstechen getadelt. Doch ein paar Minuten muss es noch gehen, wenigstens noch die nächste Übung – Burpees. Runter in die Hocke, Sprung in den Stütz, Push-up, Sprung zurück in die Hocke, Strecksprung. Immer und immer wieder.
Ich bin nicht gläubig, doch in diesem Moment bitte ich stumm alle Götter , die mir in den Sinn kommen, um Gnade, fluche gleichzeitig zu allen Dämonen ob dieser teuflichsten aller Cardio-übungen.

Aber dann ist es geschafft. Endlich. Und Während ich mit wackeligen Beinen und keuchender Atmung versuche, meinen Herzschlag zu beruhigen, wickeln sich etliche Gedanken um die Erkenntnis, die gerade trotz aller Anstrengung wie ein Projektil durch meinen Kopf schießt: ich bin glücklich.
Endorphine überschütten mein Gehirn – Opium für die Seele. Ich erinnere mich, über ein Experiment gelesen zu haben, das James Olds in den 50er Jahren an der University of Michigan durchgeführt hat. Es ging um Ratten und deren Lust auf die Elektrostimulation eines bestimmten Hirnareals. Per Knopfdruck konnten sie dieses Lustzentrum in ihrem eigenen Gehirn stimulieren, so oft sie wollten, bis sie vor Hunger, Durst und/oder Erschöpfung starben.
Aber so oft hatte ich nicht vor, Burpees zu machen.

Nach einer entspannenden Dusche und kurzer Internetrecherche fand ich heraus, dass das Wort „Glück“ ursprünglich vom mittelhochdeutschen gelücke/lücke abstammte, was soviel bedeutete wie „die Art, wie etwas endet/gut ausgeht“.
Bezeichnete Glück also demnach nur den (günstigen) Ausgang eines Ereignisses, ohne dass Umstände, persönliche Fähigkeiten oder Voraussetzungen eine Rolle spielten? Es passiert einfach? Laut Evolutionstheorie gibt es im Verhalten der Lebewesen zumindest kein nachweisbares Streben nach Glück…aber warum überwanden unsere kleinen Rattenfreunde dann sogar unter Strom stehende Metallgitter, um den „Knopf der Lust“ auch nur ein einziges Mal noch zu drücken?

Welche Macht hat dieses Glück und was ist es überhaupt? Wie kann ich es erreichen?

Bereits über viele Jahrhunderte und Kulturen beschäftigt sich der Mensch mit diesen Fragen. Ob Lao Tse, Epikur oder Platon und seine Clique oder Horst und Gisela von nebenan…Das Glücksgefühl als solches ist faszinierend und jeder hat seine ganz eigenen Theorien dazu, doch gleichsam klar scheint: Glück ist erstrebenswert, wichtig, ja geradezu elementar. Aber eine Glücksschmiede für alle kann nicht existieren.

Dafür sind unsere Neigungen, Talente und Fähigkeiten, kurz unsere Persönlichkeiten zu verschieden. Wichtig jedoch scheint mir, sich dieser Eigenschaften und Stärken bewusst zu sein, sie sich zu verdeutlichen, um tatsächlich auf seiner ganz persönlichen Reise zum Glück das Ziel auch erreichen zu können.
Was also packe ich in meinen eigenen Rucksack?

„Körperliche Aktivität wirkt sich positiv auf mein Glücksempfinden aus“ meldet sich mein lahmer Verstand und taucht kurzzeitig aus der wohligen Umarmung erschöpfter Glieder auf.
„Aber Phasen des Nichtstuns sind auch gewinnbringend“ protestiert der Schweinehund.
Dem musste ich unweigerlich zustimmen und dachte dabei an den letzten Lesemarathon auf meiner Couch.
„Nein nein, ich meine so richtiges Nichtstun, allerhöchstens ein Gedanken-schweifen-lassen oder Löcher-in-die-Luft-starren“ korrigierte Schweinehund.
„Verschwendete Zeit“, warf der Verstand ein, „eine knackige Einheit Cardio oder ein bisschen Körperstabilitätstraining sind doch viel glückbringender. Oder letztens, als wir diese Sitzbank mit eigenen Händen zusammengezimmert haben…“
„Bitte, ihr Zwei, vertragt euch doch, ihr habt ja beide gute Argumente“ erklingt da die sanfte Stimme der Harmonie.
„Ach sie nun wieder…“, frotzelt die Leidenschaft, „Lass sie doch streiten. Wo könnte man glücklicher sein, als in den peitschenden Wellen wogender Emotionen?“

Für eine Weile lausche ich ihrem Disput, der mir die Sinne ganz schworbelig macht. So viele Möglichkeiten, das Glück zu jagen…und vielleicht muss ich mich ja gar nicht entscheiden? Vielleicht ist eine Rotation, ein Durchmischen der Varianten zur Glücksfindung zielführender?
Ich stoße bei meinen, aufgrund der einsetzenden Müdigkeit halbmotivierten Recherchen auf einen Herren namens Cszyk…Chiske…Moment. Csikszentmihalyi.  Mit träger Aufmerksamkeit lese ich seine Erklärungen zum Flow, dem in-einer-Tätigkeit-aufgehen-und-sich-verlieren und dem einhergehenden Verlust des Selbstgefühls bis hin zur Selbsttranszendenz. Dann fange ich den Artikel wieder von vorne an, weil ich während des Lesens zwischen den Zeilen versackt bin.

Kaum noch fähig, über 3 Zeilen und 5 Kommas dauernde Sätze zu erfassen, höre ich den Schweinehund leise in mir flüstern „Schlafen, das wär’s jetzt“.
Ich muss ihm Recht geben. Glück kann auch einfach sein. Und immer wieder neu. Morgen schon erwartet mich eine ganze Welt voller „Neu“.
Und murmelnd schwebt mein letzter Gedanke dahin, bevor ich einschlafe: „Vielleicht ist Glück ja nicht das Ziel der Reise. Vielleicht ist es die Art, wie ich reise“…